Bitcoin-Transfers können laut BIS je nach Messmethode um das Sechsfache abweichen. Die Studie warnt vor Scheingenauigkeit bei On-Chain-Daten.
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) zeigt in einem Working Paper, dass Schätzungen zum On-Chain-Transferwert von Bitcoin je nach angewandter Messmethode um bis zum Sechsfachen voneinander abweichen können. Betroffen sind monatliche Werte für On-Chain-Transfers, nicht das Handelsvolumen an Börsen. Die Untersuchung verdeutlicht damit, wie stark methodische Annahmen die Interpretation gängiger On-Chain-Kennzahlen beeinflussen können.
BIS-Studie zeigt bis zu sechsfache Unterschiede bei Bitcoin-Transfers
Das im September 2026 veröffentlichte Working Paper 1377 trägt den Titel Hidden by complexity? Measuring stablecoin, crypto and decentralised finance ecosystems und wurde von Timothy Aerts, Ronald Heijmans, Jan Paulick und Violeta Vuletic verfasst. Die Daten stammen aus Mercurius, einem Projekt der De Nederlandsche Bank, das gemeinsam mit dem BIS Innovation Hub und der Deutschen Bundesbank entwickelt wurde.
Über die drei untersuchten Netzwerke Bitcoin, Ethereum und Tron hinweg umfasst der Mercurius-Datensatz rund 100 Milliarden Records im Verarbeitungssystem. Die Autoren weisen darauf hin, dass diese Zahl nicht mit 100 Milliarden einzelnen Blockchain-Ereignissen gleichzusetzen ist: Daten können sich zwischen Basis- und Smart-Contract-Ebene überschneiden oder an mehreren Stellen der Verarbeitung auftauchen.
Für Bitcoin untersuchten die Forscher den Zeitraum von 2009 bis 2026 mit rund 1,3 Milliarden Transaktionen und 3,6 Milliarden Transaction Outputs. Da das UTXO-Modell nicht verwendete Mittel als Wechselgeld an den Absender zurückführen kann, verglichen sie drei Berechnungswege. Eine Obergrenze zählt sämtliche Outputs, eine bereinigte Schätzung entfernt mutmaßliches Wechselgeld und eine konservative Untergrenze zieht Selbstüberweisungen oder den größten Output ab. Die monatlichen Transferwertschätzungen unterschieden sich dabei um bis zum Sechsfachen, besonders in Phasen steigender Preise und Aktivität. CoinJoin-Transaktionen, Mixer, Spam und Zwischenüberweisungen erschweren die Zuordnung zusätzlich. Die niedrigste Schätzung bleibt laut Studie eine konservative Heuristik und keine mathematisch gesicherte Größe.
Messmethoden verändern auch Marktwert und Stablecoin-Bild
Das Messproblem setzt sich bei der Bewertung des Bitcoin-Angebots fort. Die konventionelle Marktkapitalisierung lag in Phasen rascher Kursanstiege zeitweise bis zum Vierfachen über der Realized Capitalization. Diese bewertet jeden nicht ausgegebenen Output zum Bitcoin-Preis, der bei seiner letzten Bewegung beziehungsweise nach dem vorherigen Spend galt. Während des starken Rückgangs 2022 lag die Realized Capitalization zeitweise über der konventionellen Marktkapitalisierung, weil ältere Outputs ihre frühere Bewertung behielten.
Ein Ausschluss von UTXOs mit mehr als 15 Jahren Inaktivität entfernte etwas mehr als 1,8 Millionen BTC aus der Rechnung. Die Forscher betonen jedoch, dass Inaktivität keinen Beweis für verlorene private Schlüssel liefert. Ihren Daten zufolge wurden fast 24.000 BTC nach mehr als zehn Jahren wieder bewegt, darunter annähernd 3.000 BTC nach mehr als 15 Jahren Stillstand.
Bei Ethereum konnten von 67,5 Millionen untersuchten aktiven Verträgen mehr als 54 Millionen keiner technischen Kategorie zugeordnet werden. Auch Stablecoin-Daten unterscheiden sich je nach Blockchain: Der Anteil von USDT in Smart Contracts stieg auf Ethereum 2022 über 20 Prozent und lag bis Ende 2024 meist zwischen 15 und 20 Prozent. Auf Tron lag er in den meisten untersuchten Zeiträumen bei rund 1 Prozent. Visa verfolgt mit seinem Onchain-Analytics-Dashboard ebenfalls einen bereinigenden Ansatz und filtert unter anderem Bots, Bridge-Routing, zentralisierte Börsenaktivität sowie Minting und Burning. Ein Snapshot vom 16. September wies 6,4 Billionen US-Dollar Gesamtvolumen über 30 Tage und 313,1 Milliarden US-Dollar nach Bereinigung aus.
Autoren warnen vor Scheingenauigkeit bei On-Chain-Kennzahlen
Die Studienautoren argumentieren, dass verbreitete Kennzahlen wie Transaktionsvolumen, Marktkapitalisierung und Total Value Locked eine Genauigkeit nahelegen können, die die Eigenschaften der zugrunde liegenden Daten nicht tragen. Für die Einordnung ist wichtig: Das Dokument ist ein BIS Working Paper und führt selbst keine Regulierung, Compliance-Frist oder Meldepflicht ein. Nach Angaben der BIS spiegeln Working Papers die Ansichten ihrer Autoren wider und müssen nicht die Position der Institution oder ihrer Mitgliedszentralbanken darstellen.
Ausblick: On-Chain-Daten mit Bandbreiten statt Einzelwerten lesen
Als methodischen Ansatz empfehlen die Autoren, einzelne Schätzwerte durch begrenzte Bandbreiten zu ergänzen, die protokollspezifische Unsicherheiten offenlegen. Dazu zählen eine technische Klassifizierung von Verträgen, explizite Annahmen und eine getrennte Betrachtung der Identität eines Assets sowie der Blockchain-Infrastruktur, auf der es genutzt wird.
Die Studie beschreibt On-Chain-Indikatoren als ungenaue Annäherungen und nicht als direkte Messgrößen wirtschaftlicher Aktivität. Wer Anlageentscheidungen auf Basis solcher Daten trifft, sollte daher die verwendete Methodik, mögliche Filter und die Unsicherheit hinter einzelnen Kennzahlen berücksichtigen.
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