Stablecoins sind aktuell in aller Munde. Der neue FSB-Bericht sieht nun Stablecoins als gigantisches Risiko für Schwellenländer. Was steckt dahinter?
Der Financial Stability Board (FSB) hat seinen Jahresbericht 2025 veröffentlicht — und das Timing ist kaum zufällig. In einem zunehmend fragmentierten globalen Umfeld, geprägt von geopolitischen Spannungen, steigenden Staatschulden und dem rasanten Wachstum digitaler Assets, liefert der Bericht ein nüchternes Lagebild der globalen Finanzstabilität.
FSB-Chair Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, betont darin den unverzichtbaren Wert multilateraler Zusammenarbeit — und warnt zugleich vor wachsenden Verwerfungen im System. Besonders im Fokus: Krypto-Assets und Stablecoins, deren Transaktionsvolumen 2025 deutlich zugenommen hat, während gleichzeitig erhebliche Regulierungslücken zwischen den Jurisdiktionen bestehen.
Stablecoins unter Verdacht: Risiken für Emerging Markets
Was in den Industriestaaten primär als regulatorisches Strukturproblem gilt, kann für Schwellenländer und Entwicklungsökonomien (EMDEs) weitreichendere makrofinanzielle Konsequenzen haben. Der FSB-Bericht identifiziert mehrere konkrete Risikopfade, die durch den Einsatz von Fremdwährungs-Stablecoins entstehen können. An erster Stelle steht die sogenannte Währungssubstitution: Wenn Bürger in Ländern mit instabilen Lokalwährungen zunehmend auf USD-gebundene Stablecoins ausweichen, sinkt die Nutzung heimischer Zahlungssysteme — mit direkten Konsequenzen für die Wirksamkeit der nationalen Geldpolitik. Die Zentralbank verliert schrittweise die Kontrolle über wichtige monetäre Transmissionsmechanismen.
Hinzu kommen fiskalische Risiken: Stablecoin-Transaktionen entziehen sich oft dem regulären Finanzsystem und damit der Besteuerung, was die Steuereinnahmen der ohnehin fiskalisch angespannten Entwicklungsländer weiter unter Druck setzt. Besonders heikel ist auch das Thema Kapitalflusssteuerung: Stablecoins können dazu genutzt werden, nationale Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen, was die makroprudenzielle Steuerungsfähigkeit der betroffenen Länder erheblich einschränkt.
Der FSB stellt in diesem Zusammenhang fest, dass die Implementierung globaler Regulierungsrahmen für Krypto-Assets und Stablecoins unter den Mitgliedsjurisdiktionen nach wie vor stark uneinheitlich verläuft. Von 37 untersuchten Ländern haben nur elf einen finalen Regulierungsrahmen für Krypto-Assets etabliert — für Stablecoins gilt das lediglich für fünf Jurisdiktionen. Diese Lücken schaffen Möglichkeiten zur regulatorischen Arbitrage, die gerade für Akteure in weniger regulierten Märkten attraktiv sind.
Wachstum ohne Kontrolle: Systemrisiken nehmen zu
Neben den spezifischen Risiken für Schwellenländer zeichnet der FSB-Bericht ein breiteres Bild wachsender Systemrisiken durch Krypto-Assets. Die Märkte für digitale Assets haben 2025 erhebliche Volatilität gezeigt — und gleichzeitig sind die Verflechtungen mit dem traditionellen Finanzsektor gewachsen. Stablecoin-Transaktionsvolumen stiegen spürbar an, dominiert von USDT und USDC. Trotz dieses Wachstums betont der FSB, dass Stablecoins bislang noch keine wesentliche Rolle in finanzdienstleistungsnahen Bereichen der Realwirtschaft spielen — ein Befund, der sich jedoch schnell ändern kann.
Der Bericht warnt ausdrücklich davor, dass global im Umlauf befindliche Stablecoins, die Reservevermögen über mehrere Jurisdiktionen hinweg halten müssen, zusätzliche Liquiditäts- und Operationsrisiken mit sich bringen. Cross-border-Stablecoins sind per Definition schwerer zu überwachen und zu regulieren — und genau diese Eigenschaft macht sie im Kontext grenzüberschreitender Kapitalflüsse sowohl nützlich als auch gefährlich.
Für 2026 kündigt der FSB an, die Überwachung von Krypto-Asset-Entwicklungen fortzusetzen und potenzielle Stablecoin-Schwachstellen gezielt zu untersuchen — mit besonderem Augenmerk auf die konsistente Umsetzung der bestehenden Empfehlungen. Die Botschaft an die Märkte ist klar: Regulatorische Klarheit ist kein optionaler Komfort, sondern eine systemische Notwendigkeit.
Stablecoins: Risiko oder Chance für alle?
Die Kritik des FSB kommt traditionell aus der Perspektive etablierter Finanzinstitutionen — und dieser Blickwinkel hat seine Grenzen.
Denn es gibt durchaus Analysten und Ökonomen, die Stablecoins gerade für Menschen in Schwellenländern als enormen Fortschritt sehen: Wer in einer Hochinflationswährung lebt, erhält erstmals einfachen Zugang zum US-Dollar und damit zu einem stabilen Wertspeicher.
Die Dollar-Parität kann für Millionen Menschen in wirtschaftlich instabilen Regionen praktischen Schutz vor Kaufkraftverlust bedeuten — ein Aspekt, den rein regulatorisch orientierte Berichte wie der des FSB strukturell ausblenden. Denn der Kauf von Kryptowährungen bleibt für Menschen in Schwellenländern mitunter auch ein Ausweg.
