Boris Johnson irrt bei Bitcoin – und verwechselt Betrug mit dem Protokoll

2 Stunden ago by · 4 Min. read

Bitcoin ist kein Ponzi-Schema, auch wenn Boris Johnson das behauptet. Was sein Scam-Beispiel zeigt – und was eben nicht.

Boris Johnson hat mit seiner neuen Bitcoin-Kritik einen Nerv getroffen, aber den falschen. Ja, der von ihm geschilderte Verlustfall klingt nach klassischem Anlagebetrug. Nein, daraus folgt nicht, dass Bitcoin selbst ein Ponzi-Schema ist. Genau das ist der Denkfehler in seiner Kolumne. Denn ein Scam, der mit Bitcoin wirbt, ist noch kein Beweis gegen das Bitcoin-Protokoll – so wie ein Goldbetrüger nichts über die chemischen Eigenschaften von Gold beweist.

Ein Betrugsfall ist nicht dasselbe wie Bitcoin

Der stärkste Punkt an Johnsons Text ist zugleich der banalste: Menschen werden mit Krypto betrogen. Das ist real, teuer und gerade für ältere Opfer oft verheerend. Die britische Finanzaufsicht FCA meldete schon in den ersten sechs Monaten 2025 insgesamt fast 5000 Meldungen zu Fake-FCA-Scams; 480 Opfer überwiesen Geld an Betrüger, und fast zwei Drittel der Meldungen kamen von Menschen ab 56 Jahren. Eine der häufigsten Maschen: angebliche Rückholaktionen aus „illegal eröffneten“ Krypto-Wallets. Das ist ein echtes Problem – aber eben ein Problem von Betrügern, nicht der Existenz von Bitcoin selbst.

Genau hier lohnt sich die begriffliche Trennung. Ein Ponzi-Schema ist laut offizieller Regierungsseite ein Anlagebetrug, bei dem bestehende Investoren mit dem Geld neuer Investoren bezahlt werden. Dafür braucht es einen Organisator, ein Renditeversprechen und eine zentrale Stelle, die den Geldfluss steuert. Bitcoin erfüllt diese Merkmale gerade nicht. Das Netzwerk zahlt niemandem feste Renditen, kennt keinen Emittenten und keinen Betreiber, der neue Anlegergelder einsammelt und verteilt.

Wer das Grundmodell noch einmal sauber nachlesen will, findet im Artikel Was ist Bitcoin? Grundlagen, Funktionsweise & Chancen die Basics.

Wer Bitcoin kontrolliert? Eben nicht eine zentrale Stelle

Johnson fragt sinngemäß: Was ist das überhaupt, wer kontrolliert es, wer hat das Sagen? Die kurze Antwort lautet: kein einzelner Akteur. Im Bitcoin-Whitepaper beschreibt Satoshi Nakamoto Bitcoin als „peer-to-peer version of electronic cash“, also als elektronisches Zahlungssystem ohne vertrauenswürdige zentrale Instanz. Wörtlich geht es darum, Zahlungen direkt zwischen zwei Parteien zu ermöglichen, „without going through a financial institution“. Das heißt nicht, dass Bitcoin ohne Machtfragen oder Interessenkonflikte wäre. Es heißt aber sehr wohl, dass das System gerade nicht wie ein zentral gesteuerter Investment-Topf funktioniert. Auch deshalb entgegnete Michael Saylor, ein Ponzi-Schema brauche einen zentralen Betreiber; Bitcoin sei dagegen ein offenes, dezentrales monetäres Netzwerk.

Die Kritik aus der Szene fiel entsprechend harsch aus. Neben Saylor sprechen sich auch Paolo Ardoino und Adam Back als prominente Gegenstimmen aus. Der frühere britische Schatzkanzler Kwasi Kwarteng schrieb auf X sogar, die britische Politikerklasse liege bei Bitcoin und digitalen Assets „years behind“.

Wie viele Bitcoin gibt es maximal? Genau diese feste Angebotsgrenze gehört schließlich zu den zentralen Argumenten der Bitcoin-Befürworter.

Bitcoin ist längst zu groß für die Pub-Anekdote

Was Johnson außerdem unterschätzt: Bitcoin ist 2026 kein Nischenexperiment mehr. CoinGecko taxiert den Bitcoin-Kurs heute auf knapp 74.000 US-Dollar. Die Marktkapitalisierung liegt laut CoinGecko-Charts bei rund 1,47 Billionen US-Dollar. BlackRocks IBIT verwaltet per 13. März mehr als 55,5 Milliarden US-Dollar. Strategy weist aktuell 738.731 Bitcoin aus. Und die US-Regierung hat im März 2025 per Executive Order sogar eine Strategic Bitcoin Reserve geschaffen.

Nichts davon beweist automatisch, dass Bitcoin „fair bewertet“ ist. Aber es widerlegt die Idee, hier gehe es bloß um eine obskure Randerscheinung ohne ernsthafte Markt- oder Staatsrelevanz.

Unterm Strich liegt Johnson also nicht völlig daneben – aber an der falschen Stelle. Wer vor Betrug im Krypto-Umfeld warnt, hat gute Gründe dafür. Wer daraus ableitet, Bitcoin selbst sei deshalb ein Ponzi-Schema, verwechselt das Tatwerkzeug mit dem Tatbestand. Die harte Kritik aus der Bitcoin-Szene kommt deshalb nicht daher, dass Johnson auf Opferfälle hinweist. Sie kommt daher, dass er aus einer sehr alten Betrugsmasche die falsche Schlussfolgerung über ein dezentrales Netzwerk zieht.

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