Die Bitcoin-HODL-Welle erreicht 63,3 Prozent. Warum das vor allem auf gealterte Supply hinweist – und keine neue Nachfrage beweist.
Die Ein-Jahres-HODL-Welle von Bitcoin erreichte am 18. September 63,3 Prozent. Doch die Kennzahl misst lediglich die Zeit seit der letzten On-Chain-Bewegung einer Coin – nicht automatisch frische Käufe oder eine bewusste Entscheidung, Bestände dem Markt zu entziehen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob alte Coins bullisch wirken, sondern ob die Daten tatsächlich neue Nachfrage und eine Verknappung des verfügbaren Angebots belegen.
Der Mechanismus hinter der Bitcoin-HODL-Welle
HODL-Waves gruppieren Bitcoin-Unspent-Transaction-Outputs (UTXOs) nach dem Zeitpunkt ihrer letzten On-Chain-Bewegung in Altersbänder. Die Ein-Jahres-Welle zeigt damit an, welcher Anteil der Supply mindestens zwölf Monate lang unbewegt geblieben ist – sie erfasst weder aktuelle Käufe noch ein bewusstes Herausnehmen aus dem Markt.
Der Mechanismus ist dabei simpel: Coins, die vor rund einem Jahr zuletzt bewegt wurden, wandern allein durch weiteres Liegenbleiben vom Sechs-bis-Zwölf-Monats- ins Ein-bis-Zwei-Jahres-Band. Eine Bewegung setzt die Uhr dagegen zurück. Ein Transfer zwischen zwei Wallets desselben Eigentümers oder Verwahrers kann so einen Output wie „jung“ erscheinen lassen, obwohl sich an der wirtschaftlichen Eigentümerschaft nichts geändert hat. Verlorene Coins wiederum können dauerhaft in älteren Bändern verharren, ohne dass dahinter eine aktive Halteentscheidung steckt. Wie stark Messmethoden solche Interpretationen verzerren können, zeigt sich auch bei der Diskussion um unterschiedliche Bitcoin-Transfer- und Messmethoden.
Datenlage und Belastbarkeit der Signale
Laut Maketo-HODL-Wave-Daten stieg der Anteil der seit mindestens einem Jahr unbewegten Supply von 62,32 Prozent am 18. August auf 63,3 Prozent am 18. September. Im selben Zeitraum wuchs das Ein-bis-Zwei-Jahres-Band von 13,52 auf 14,57 Prozent, während das Sechs-bis-Zwölf-Monats-Band von 19,10 auf 17,53 Prozent zurückfiel. Glassnodes Snapshot vom 18. September zeigte für beide Bänder dieselben Werte – ein Muster, das zu Coins passt, die schlicht die Ein-Jahres-Grenze überschreiten.
Auch die jüngste Aktivität ließ nach: Coins, die innerhalb eines Monats bewegt wurden, machten am 18. September nur noch 7,03 Prozent der Supply aus, nach 7,30 Prozent einen Monat zuvor. Entscheidend ist jedoch: Diese Bandwerte sind Nettoanteile. Sie lösen nicht auf, wie viele Einheiten tatsächlich gealtert, aus einem Band herausgefallen oder on-chain bewegt und in ein jüngeres Band zurückgesetzt wurden. Die Zahlen belegen eine ältere Altersverteilung und weniger kurzfristige Bewegung – nicht aber verfügbare Verkaufsmenge oder eine tatsächliche Liquiditätsverknappung.
Einordnung und Branchenkontext
Die vom Primärmaterial gestützte Schlussfolgerung bleibt daher begrenzt: Die On-Chain-Altersverteilung von Bitcoin ist gealtert, während der Anteil kürzlich bewegter Supply gesunken ist. Für eine belastbare These über frische Akkumulation braucht es zusätzliche Prüfgrößen – entity-adjustierte Bestandsveränderungen, Exchange-Flows und tatsächliches Ausgabeverhalten.
Ein praktisches Beispiel für die Attributionsunsicherheit solcher Daten lieferte eine Coinbase-Wallet-Migration im November 2025, die große On-Chain-Volumina ohne entsprechende Marktbewegung erzeugte. Diese Episode wird ausdrücklich nicht als Ursache der aktuellen Verschiebung dargestellt, verdeutlicht aber, wie leicht interne Umbuchungen als Marktsignal fehlinterpretiert werden können – ein Muster, das sich auch beobachten lässt, wenn ein lange ruhender Bitcoin-Wal erwacht. Die übergeordnete These bleibt: Eine steigende HODL-Welle ist zunächst ein Alterungssignal und erst dann ein verlässliches bullisches Nachfrage- oder Supply-Squeeze-Signal, wenn unabhängige Besitz-, Börsen- und Ausgabedaten in dieselbe Richtung weisen. Ähnliche Vorsicht ist angebracht, wenn andere On-Chain-Indikatoren Alarm schlagen – auch dort lohnt der Blick auf die zugrunde liegende Methodik.
Szenarien: Bull, Base und Bear
Im Bull-Case bestätigen entity-adjustierte Salden, Exchange-Flows und Ausgabeverhalten gemeinsam, dass ältere Supply tatsächlich aus liquiden beziehungsweise börsennahen Beständen herausgehalten wird. Das wäre der Punkt, an dem sich das Alterungssignal in ein echtes Angebotsverknappungssignal übersetzen ließe.
Im Base-Case steigt die Ein-Jahres-Welle weiter oder verharrt auf hohem Niveau, während die Zusatzdaten kein eindeutiges Bild liefern. Dann bleibt sie das, was sie aktuell ist: ein Alterungssignal ohne Nachweis frischer Nachfrage.
Im Bear-Case zeigen Bewegungs- und Ausgabedaten, dass alte Bestände zurück in den Markt fließen oder die Altersbandverschiebung überwiegend durch Grenzübertritte und interne Transfers erklärbar ist – ohne dass eine echte Halteentscheidung dahintersteht. Konkrete Kursziele oder Wahrscheinlichkeiten lassen sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten; entscheidend bleiben die genannten Bestätigungssignale aus Exchange-Flows und Spending Behavior.
Fazit und Einordnung
63,3 Prozent seit mindestens einem Jahr unbewegte Bitcoin-Supply zeigen eine ältere Verteilung, aber keinen Beweis für neue Käufer oder einen verlässlichen bullischen Impuls. Die offene Kernfrage bleibt, ob diese Alterung mit tatsächlicher Angebotsverknappung und einer veränderten wirtschaftlichen Eigentümerschaft einhergeht. Erst wenn entity-adjustierte Salden, Exchange-Flows und Ausgabeverhalten mit der HODL-Welle übereinstimmen, lässt sich aus dem Alterungssignal ein belastbares Marktsignal ableiten.
Bitcoin-Transaktionen sind pseudonym, aber nicht anonym; Käufe über regulierte Börsen unterliegen KYC-Pflichten. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit einem hohen Verlustrisiko verbunden – dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Wer On-Chain-Kennzahlen wie HODL-Waves selbst einordnen möchte, findet ergänzenden Kontext in der Analyse zu unterschiedlichen Bitcoin-Messmethoden.
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