JPMorgan unter Druck: Was hinter dem Goliath-Skandal steckt

JPMorgan steht wegen Goliath Ventures unter Druck. Was die neue Krypto-Klage vorwirft und warum der Fall für Banken brisant ist.

Raphael Adrian von Raphael Adrian Raphael Adrian Editor Raphael Adrian Updated 5 Min. read
JPMorgan unter Druck: Was hinter dem Goliath-Skandal steckt

Das Wichtigste in Kürze

  • In Kalifornien läuft seit dem 10 März eine Sammelklage gegen JPMorgan Chase wegen des Falls Goliath Ventures.
  • Die Kläger stützen sich auf mutmaßliche Geldflüsse von rund 253 Millionen US-Dollar auf ein Chase-Konto und weitere rund 123 Millionen US-Dollar an Coinbase-Wallets.
  • US-Behörden hatten Goliath-CEO Christopher Delgado bereits Ende Februar wegen Wire Fraud und Money Laundering festnehmen lassen.
  • Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu 30 Jahre Haft.
  • Laut Strafanzeige sollen über 2.000 Anleger mindestens 328 Millionen US-Dollar in das Modell eingezahlt haben.
  • Der Fall ist deshalb so heikel, weil er nicht nur Krypto berührt, sondern die Kontrollpflichten klassischer Großbanken.

Investoren ziehen JPMorgan in den Sog des Goliath-Skandals. In der am 10^ März im Northern District of California eingereichten Sammelklage wirft der kalifornische Kläger Robby Alan Steele der Bank vor, das mutmaßliche Betrugssystem von Goliath Ventures über Jahre mit der nötigen Bankeninfrastruktur versorgt zu haben. Laut Klageschrift geht es um ein Konstrukt, das nach Darstellung der US-Behörden mindestens 328 Millionen US-Dollar von mutmaßlich mehr als 2.000 Anlegern eingesammelt haben soll. Wichtig ist dabei die juristische Trennlinie: Im Zivilverfahren stehen bislang Behauptungen der Klägerseite im Raum, im Strafverfahren gegen Christopher Delgado beschreiben die Behörden ihren eigenen Tatverdacht. Beides ist nicht dasselbe, aber zusammen ergibt es ein bemerkenswert dichtes Bild.

Das Geld lief über die Bank – genau das ist der Kern des Vorwurfs

Die Zivilklage zielt nicht auf ein allgemeines Unbehagen gegenüber Krypto, sondern auf ganz konkrete Zahlungsströme. Laut Klageschrift wurden von Januar 2023 bis Juni 2025 rund 253 Millionen US-Dollar auf das Chase-Konto mit der Endung 0305 eingezahlt. Aus demselben Konto sollen im selben Zeitraum rund 123 Millionen US-Dollar an Goliath-Wallets bei Coinbase weitergeleitet worden sein. Hinzu kommen laut Klage rund 50 Millionen US-Dollar, die aus diesem Konto an Investoren als angebliche Renditen zurückflossen. Der Vorwurf dahinter ist klar: Gerade diese Muster – hohe Einzahlungen, schnelle Weiterleitungen, Rückzahlungen an frühere Anleger – hätten die internen Kontrollsysteme der Bank alarmieren müssen.

Entsprechend breit ist die juristische Angriffslinie. Die Kläger führen Ansprüche wegen Beihilfe zum Betrug, Beihilfe zur Verletzung treuhänderischer Pflichten, ungerechtfertigter Bereicherung, Fahrlässigkeit und nach kalifornischem Wettbewerbsrecht an. In der Klage wird ausdrücklich auf Onboarding, Know-Your-Customer-Prüfungen, Transaktionsüberwachung, mögliche Actimize-Alerts sowie die Einhaltung von BSA- und AML-Pflichten verwiesen. Mit anderen Worten: Die Kläger versuchen, aus einem mutmaßlichen Krypto-Betrug einen klassischen Bankhaftungsfall zu machen. Wer die dunklere Marktseite in größerem Zusammenhang lesen will, findet dazu passend bereits Hintergrund bei CoinSpeaker: Krypto-Kriminalität: Chainalysis meldet Rekordjahr 2025.

Die Strafanzeige gegen Delgado macht den Fall für JPMorgan noch heikler

Für die neue Klage ist entscheidend, dass die US-Behörden den mutmaßlichen Kern des Modells bereits sehr deutlich beschrieben haben. Laut IRS und der strafrechtlichen Beschwerde soll Christopher Delgado, früher Chef von Goliath Ventures und zuvor Gen-Z Venture Firm, von Januar 2023 bis Januar 2026 Anleger mit Versprechen über monatliche Erträge aus Krypto-Liquidity-Pools angelockt haben. Tatsächlich seien die Mittel vor allem dafür verwendet worden, frühere Investoren auszuzahlen, Rückforderungen zu bedienen und Ausgaben des Unternehmens zu finanzieren. Die Behörden nennen in diesem Zusammenhang luxuriöse Events, Feiertagspartys, Reisen und Immobilienkäufe.

Besonders belastend klingt ein Detail aus der Strafanzeige: Die Ermittler schreiben, dass der überwiegende Teil der eingesammelten Gelder gar nicht in Liquidity-Pools investiert worden sei. Eine Blockchain-Analyse habe lediglich rund 1,5 Millionen US-Dollar identifiziert, die an Uniswap geflossen seien. Gleichzeitig führen die Unterlagen vier Immobilienkäufe auf – in Winter Park, Kissimmee, Windermere und Sanford – mit Werten zwischen rund 1,15 Millionen und 8,5 Millionen US-Dollar. Das ist der Punkt, an dem aus einem technischen Krypto-Narrativ wieder ein sehr altes Muster wird: neue Gelder rein, alte Versprechen bedienen, Luxus außen herum.

Für die Einordnung wichtig: Laut Strafanzeige lief das System nicht ausschließlich über JPMorgan. Die Behörden schreiben, dass Goliath auch ein Geschäftskonto bei Bank of America hatte. Für den Zeitraum von Mai bis September 2025 seien dort rund 75 Millionen US-Dollar eingegangen. Zusammen mit JPMorgan sollen von Januar 2023 bis September 2025 rund 165 Millionen US-Dollar an Coinbase-Wallets geflossen sein. Genau deshalb lohnt es sich, Zivil- und Strafverfahren sauber zu trennen: Die Klage gegen JPMorgan fokussiert die Rolle einer Bank, die Behörden zeichnen das größere Netzwerk aus Bankkonten, Coinbase-Wallets und Rückzahlungen nach.

Lies hier weiter: Banken gegen Krypto – in den USA droht der nächste Lizenzkrieg.

Warum der Fall über Goliath hinausweist

Der eigentliche Sprengstoff liegt in der Frage, was eine US-Großbank sehen, prüfen und melden muss. Die US-Bankenaufsicht OCC hält fest, dass nationale Banken wirksame BSA-Programme, Customer-Identification- und Due-Diligence-Systeme sowie ein funktionierendes Monitoring verdächtiger Aktivitäten unterhalten müssen. Verdächtige Vorgänge können zudem eine Suspicious Activity Report auslösen, die grundsätzlich binnen 30 Tagen nach erster Feststellung einzureichen ist. Ob JPMorgan diese Pflichten im Fall Goliath verletzt hat, ist offen und nun Sache des Gerichts. Aber genau an dieser Schnittstelle wird der Fall für die Branche gefährlich: Wer Krypto-Zahlungsströme in die Bankeninfrastruktur zieht, zieht auch die volle Schärfe klassischer Compliance-Haftung mit hinein.

Die Ironie der Woche könnte größer kaum sein. Während JPMorgan sich mit Vorwürfen rund um mutmaßlich übersehene Warnsignale konfrontiert sieht, baut Mastercard seine Krypto-Ambitionen weiter aus. Der Zahlungsriese hat am 11. März ein neues Crypto Partner Program mit mehr als 85 Unternehmen angekündigt. Ziel ist laut Mastercard, Onchain-Innovationen in skalierbare, regelkonforme Anwendungen für den Alltag zu übersetzen. Das ist die eigentliche Lehre aus dem Goliath-Fall: Die Finanzindustrie diskutiert nicht mehr darüber, ob sie mit Krypto arbeitet, sondern unter welchen Kontrollen und mit welcher Haftung.

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