Banken gegen Krypto – in den USA droht der nächste Lizenzkrieg

US-Banken prüfen eine Klage gegen die OCC. Streitpunkt sind Krypto-Lizenzen, Trust-Charter und Stablecoins.

Raphael Adrian von Raphael Adrian Raphael Adrian Editor Raphael Adrian Updated 5 Min. read
Banken gegen Krypto – in den USA droht der nächste Lizenzkrieg

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bankenlobby Bank Policy Institute prüft laut Guardian eine Klage gegen die US-Bankenaufsicht OCC, eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen. Auslöser ist eine neue OCC-Regel vom 27 Februar, die nationalen Trust-Banken ausdrücklich auch nicht-fiduziare Tätigkeiten im Rahmen ihrer Trust-Geschäfte erlaubt; sie tritt am 1 April 2026 in Kraft.
  • Parallel wächst der politische Druck: Der Clarity Act hängt weiter fest, weil Banken Zins- und Reward-Modelle rund um Stablecoins als Gefahr für klassische Einlagen sehen.

Der Markt feiert derweil weiter. Bitcoin notiert laut CoinGecko heute bei rund 71.000 US-Dollar und liegt damit klar über dem Niveau vom Wochenstart. Doch hinter der Kursstärke läuft in den USA ein Konflikt, der für die Branche mindestens so wichtig werden könnte wie jede Chartmarke: der Streit um Banklizenzen, Trust-Charter und die Frage, wie tief Krypto künftig in das regulierte Finanzsystem hineinwachsen darf.

Warum die OCC plötzlich im Zentrum steht

Auslöser der neuen Eskalation ist ein Bericht des Guardian vom 9. März. Demnach erwägt das Bank Policy Institute, kurz BPI, rechtliche Schritte gegen das Office of the Comptroller of the Currency, also die OCC. Der Verband selbst verweigerte laut Guardian eine Stellungnahme, bestätigt ist derzeit also nur: Es gibt Überlegungen, aber noch keine eingereichte Klage.

Brisant ist der Vorgang trotzdem. Denn die OCC hat am 27. Februar eine Final Rule veröffentlicht, die ihre bisherige Linie beim Chartering nationaler Trust-Banken präzisiert. Die Behörde schreibt selbst, die Regel erweitere ihre Befugnisse weder noch schränke sie sie ein. Wörtlich klärt sie aber, dass nationale Banken, die auf die Geschäfte einer Trust-Gesellschaft beschränkt sind, neben treuhänderischen eben auch nicht-fiduziare Tätigkeiten ausüben dürfen, sofern sie in diesem Rahmen bleiben. Genau diese Neuformulierung lesen Kritiker als Türöffner für Krypto-, Fintech- und Zahlungsfirmen.

Dass das keine abstrakte Debatte ist, zeigt schon die Personalie an der Spitze. Jonathan V. Gould ist seit dem 15. Juli 2025 Comptroller of the Currency. Reuters hatte bereits zu seiner Bestätigung berichtet, dass er vor seinem Wechsel zurück in die Aufsicht als Chief Legal Officer beim Krypto-Unternehmen Bitfury arbeitete. Der Guardian beschreibt ihn nun entsprechend als OCC-Chef mit Krypto-Hintergrund.

Wer die Vorgeschichte dieses Ringens um Charter und Marktzugang nachlesen will, findet bei CoinSpeaker DE bereits einen passenden Hintergrund in Die US-Bankenlobby stellt sich gegen Krypto-Firmen bei der Beantragung von Banklizenzen.

Was eine Trust-Charter wirklich erlaubt

Der Streit entzündet sich auch daran, dass eine nationale Trust-Bank-Lizenz eben keine klassische Vollbanklizenz ist. In einer aktuellen OCC-Entscheidung heißt es ausdrücklich, dass die Bank ihre Tätigkeit auf die Geschäfte einer Trust-Gesellschaft und damit verbundene oder nebensächliche Aktivitäten beschränken muss. Reuters fasst das bei jüngsten Genehmigungen für Crypto.com ebenso zusammen: Verwahrung und Abwicklung ja, klassische Einlagen und Kreditvergabe nein.

Genau dieses Zwischensegment ist für Krypto-Firmen hochattraktiv. Bereits im Dezember 2025 hatte die OCC – klar als Hintergrundinformation außerhalb des Zwei-Wochen-Fensters – konditionelle Genehmigungen für Ripple National Trust Bank und First National Digital Currency Bank erteilt. In den vergangenen zwei Wochen kamen weitere Signale hinzu: Reuters meldete am 17. Februar eine konditionelle Genehmigung für Bridge und am 23. Februar eine solche für Crypto.com. Offiziell listet die OCC inzwischen weitere anhängige Digital-Asset-Anträge, darunter zerohash, Morgan Stanley Digital Trust, Coinbase und World Liberty Trust Company. Das ist kein Nischenthema mehr, sondern ein offener Wettbewerb um den regulierten Zugang zum Bankensystem.

Gerade deshalb sehen Banken hier mehr als bloße Konkurrenz. Das BPI argumentierte bereits in seinen Schreiben vom Herbst 2025, dass mehrere Antragsteller im Kern Tätigkeiten wie Stablecoin-Reserveverwaltung, Payments und teils einlagenähnliche Funktionen anstrebten. Zugleich kritisierte der Verband die starke Schwärzung zentraler Unterlagen und damit mangelnde Transparenz im öffentlichen Prüfverfahren.

Passend dazu gibt es bei CoinSpeaker DE einen weiteren Hintergrundtext: Banklizenz statt Blockchain-Rebellen – kapituliert Krypto vor dem System?

Warum die Banken jetzt auf die Barrikaden gehen

Die Kritik kommt nicht nur von Großbanken. Die Conference of State Bank Supervisors erklärte nach Veröffentlichung der Final Rule, die OCC habe sich „ungezügeltes Ermessen“ eingeräumt und einen bereits intransparenten Prozess weiter verfestigt. Auch die Independent Community Bankers of America hatten schon Mitte Februar verlangt, die vorgeschlagene Regel zurückzuziehen oder grundlegend zu überarbeiten. Ihr Kernvorwurf: Unversicherte nationale Trust-Banken könnten Krypto-Aktivitäten außerhalb klassischer aufsichtsrechtlicher Leitplanken betreiben, ohne denselben prudenziellen Anforderungen zu unterliegen wie FDIC-versicherte Institute.

Hinzu kommt die zweite Front in Washington. Reuters berichtete am 5. März, dass der Clarity Act erneut ins Stocken geraten ist, weil Banken eine Passage ablehnen, die Stablecoin-Emittenten und Kryptofirmen Reward- oder Renditemodelle erlauben würde. Die American Bankers Association hatte schon Anfang Januar gewarnt, solche Anreize könnten Spareinlagen aus dem Bankensystem abziehen. Das erklärt, warum die Lizenzfrage und der Streit um Stablecoin-Erträge in Wahrheit zusammengehören: Banken fürchten nicht nur neue Wettbewerber, sondern eine neue Produktklasse, die bankähnliche Funktionen übernimmt, ohne Bank im klassischen Sinn zu sein.

Damit ist auch klar, worum es in diesem Konflikt wirklich geht. Nicht um ein paar Sonderfälle aus der Kryptobranche, sondern um die Grenzziehung zwischen klassischem Bankwesen, Zahlungsinfrastruktur und tokenisierten Dollar-Systemen. Wer diese Grenze künftig definiert – Kongress, Aufsicht oder Gerichte –, wird darüber entscheiden, wie schnell Stablecoins und krypto-native Finanzfirmen in den US-Finanzmarkt hineinwachsen. Einen thematisch passenden Evergreen dazu gibt es bei CoinSpeaker DE hier: Stablecoins: Die unsichtbare Revolution von Krypto im Zahlungsverkehr.

Unterm Strich ist die Lage deshalb zugespitzt, aber noch nicht entschieden. Die mögliche BPI-Klage ist Stand heute ein erwogener Schritt, keine vollzogene Eskalation. Die OCC hat ihre Linie offiziell geschärft, die Banken- und Staatenvertreter laufen dagegen Sturm, und der Clarity Act steckt weiter fest. Für Krypto-Firmen ist das riskant, aber auch aufschlussreich: Die Branche ist in den USA inzwischen so nah am Kern des Finanzsystems, dass sie nicht mehr nur von Regulierern beobachtet wird – sondern offen mit Banken um Zugangsrechte ringt.

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Raphael Adrian

Raphael Adrian ist ein Krypto-Journalist und Analyst, der bei Coinspeaker über Krypto-News, PR-Inhalte und Marktanalysen schreibt. Hier gilt er als Lead-Autor und Experte für Kryptowährungs-Prognosen. Mit seinem journalistischen Hintergrund und seiner Spezialisierung auf Finanzen, Business und digitale Assets berichtet er seit Jahren über Blockchain-Trends, neue Projekte und Entwicklungen am Kryptomarkt. Seine Kenntnisse in fundamentaler und technischer Analyse ermöglichen es ihm, Marktbewegungen fundiert zu bewerten, Potenziale von Projekten einzuordnen und datenbasierte Krypto-Prognosen zu erstellen. In seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf verständliche, recherchierte Inhalte, die Leser bei fundierten Entscheidungen im Kryptomarkt unterstützen.

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